Nous

– KONZEPTION –
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Interkulturelle Theatertage, Frankfurt am Main – 2008
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Koordination: Koral Okan
0172 668 47 70
Müjdat Albak
0177 458 55 14
Telefax: 069 770 76 997
E-mail: frankfurt-ttt@gmx.de
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DAS MÄRCHEN VON DER INTERKULTURELLEN BEGEGNUNGEN!?

Wenn zwei Menschen zusammen kommen, dann treffen sich zuerst ihre Blicke, ihre leeren Hunde strecken sie sich als Zeichen dafür, dass sie in Frieden gekommen sind, entgegen, und sie begrüßen sich mit Worten. Ein Kontakt ist zustande gekommen.
Sie werden sich ab dieser Zeit beobachten. Sie werden gespannt sein auf die Gef.hle ihres Gegen.bers, auf ihre ängste, auf ihre Freuden, ihre Denkmuster, auf ihre Erwartungen, Hoffnungen und auf ihre Erfahrungswelt. Auch wenn zwei Menschen aus verschiedenen kulturellen Welten kommen und sie keine gemeinsame Sprache haben, werden sie sich um eine gemeinsame Beobachtungsebene bemühen.

Haben Sie eine gefestigte Identit.t, k.nnen Sie Gemeinsamkeiten feststellen. Auch sind sie offen f.r ihren Gegen.ber. Sie haben keine Angst voreinander. Daher er.brigt sich auch die Furcht vor einem Herrschaftsverh.ltnis in ihrem Kontakt, im Gegenteil, sie werden eventuell bem.ht sein, ihren Kontakt zu vertiefen, indem sie sich z.B. die Sprache ihres Gegen.bers aneignen, um mehr .ber seine Lebensweise und Geschichte erfahren zu k.nnen. M.glicherweise werden sie in dem Wertekatalog, der Lebensweise, den Einstellungen und den Erwartungen des jeweils anderen Dimensionen finden, die ihnen zusagen und die sie in ihre Identit.tsstruktur einbauen k.nnen. Die Begegnung kann sich in einer Atmosph.re der Toleranz und Freiwilligkeit entwickeln, wachsend in der bewussten Identit.t jedes Einzelnen.

POSITION

Das oben Formulierte klingt wie ein M.rchen, denn diesen thematisierten Zustand erleben die Menschen, die aus verschiedenen Motiven nach Europa kommen, heutzutage im allgemeinen nicht. Wir wollen mit unserem Theaterfestival darauf aufmerksam machen, dass unsere Gesellschaft noch immer gepr.gt ist von falschen Idealen und Werten, welche einem kulturellen Austausch sogar dem Erfahrungsaustausch von Mensch zu Mensch erheblich im Wege stehen: Werte und Ideale, Idole und sogar G.tter, die Menschen das Gef.hl von Minderwertigkeit vermitteln mit der daraus resultierenden Aggression und Angst vor Verurteilung.
Deshalb stehten die Interkulturellen Theatertage f.r den Kampf gegen falsche Ideale und Idole mit dem entschlossenen Einsatz f.r die Menschlichkeit. Die Angst auf beiden Seiten vor der Verurteilung, der Beherrschung in der Begegnung durch den Anderen ist der wichtigste und problematischste Moment im deutsch – t.rkischen Leben.

Uns erscheint es sinnvoll, diesen innerhalb des Problemfeldes selbst aktiv anzugehen. F.r uns Theaterleute bietet sich die Chance, mit Mitteln des Theaters eine B.hne der Begegnung zu schaffen. Eine Begegnung in der sich die Zuschauer in ihrem Gegen.ber wieder erkennen k.nnen, um festzustellen, dass der Fremde nicht fremd ist, sondern ein Mensch, der von Herzen, also emotional gleicherma.en auf Erlebnisse, die ihm widerfahren, reagiert.
Wir wollen uns als T.rken spielerisch den Deutschen vorstellen, um unsere Geschichte, unser Leben in Dorf und Stadt, unsere Werte, unsere Traditionen, unsere Freude, die unterschiedlichen Dimensionen der t.rkischen Theatert.tigkeit mit der Jahrtausend alten Theatertradition Anatoliens, dem deutschen Theaterpublikum auf den Frankfurter B.hnen zu zeigen. In der Hoffnung, die deutsche Kultur befruchten zu k.nnen und zu zeigen, wie sie unsere Kultur bereits befruchtet hat. Aber vor allem, um deutlich zu machen, dass unsere Tr.ume, unsere .ngste und Freuden die gleichen sind wie die der Deutschen, wie die der Europ.er, wie die der Menschen!

PARALLELE BEREICHERUNG

Dar.ber hinaus wird die T.rkei im Jahr 2008 Gastgeber auf der Frankfurter Buchmesse sein. Die Deutschen werden die Gelegenheit haben, auf zahlreichen kulturellen und k.nstlerischen Veranstaltungen die T.rkei und ihre globale Lage im europ.ischen Kontext n.her kennen zu lernen. Die Bereicherung, welche die T.rkei als geographische und kulturelle Br.cke zwischen zwei Welten und als Knotenpunkt kultureller Str.mungen bietet, wird heutzutage immer wieder vergessen. Interkulturelle Theatertage Frankfurt am Main, die parallel zur Buchmesse laufen werden, sollen in diesem Sinne eine Plattform bilden, auf der ein Austausch .ber diese Themen stattfinden kann, und Deutschland die Gelegenheit bieten, als erstes europ.isches Land eine derartige Veranstaltung zu organisieren. Dadurch k.nnen, unter dem Aspekt der Bereicherung des Theaterlebens in Deutschland, die Produktionen der in Deutschland lebenden t.rkischen Theatergruppen dem deutschen und t.rkischen Publikum vorgestellt, die Situation der t.rkischen Theaterk.nstler im deutschen Theaterleben diskutiert, die Kontakte zwischen den Theaterk.nstlern aus beiden L.ndern durch gemeinsame Theaterprojekte und ‐workshops gefestigt, Informationen und Erfahrungen transferiert werden. Au.erdem wird den t.rkischen Einwanderern in Deutschland das anatolische Theaterleben vorgestellt und ein Bewusstwerdungsprozess im Sinne der interkulturellen Begegnung erleichtert.

GEMEINSAMKEITEN

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das t.rkische Theaterleben im osmanischen Reich und sp.ter in der t.rkischen Republik vom europ.ischen Theater aktiv beeinflusst. Insbesondere wurde es in der Zeit des 1. und 2. Weltkrieges von deutschen Theaterleuten konkret bereichert ( Karl Ebert, Max Meinecke ). Ab Ende der 60er Jahre hat das Werk Bertold Brechts das t.rkische Theater massiv beeinflusst. Seit den 60‐er Jahren sind viele t.rkische Theaterautoren, ‐theoretiker und ‐forscher in Deutschland und Frankreich ausgebildet worden und haben anschlie.end Werke geschrieben und inszeniert; zudem haben sie in t.rkischen Universit.ten Vorlesungen und Seminare gehalten ( Prof. Dr. .zdemir Nutku, Prof. Dr. Metin And, Prof. Zehra İpşiroğlu, Dr. Mutlu Parkan, Regisseur Y.cel Erten, Autor Haldun Taner, Autor Vasıf .ng.ren, Schauspieler Tuncel Kurtiz, Schauspieler / Pedagoge Tamer Levent u.a.). Heute sind Theaterleute aus der T.rkei in Deutschland aktiv und bereichern mit ihren St.cken und ihrer Theaterdarstellung das deutsche Theaterleben.
Daran wollen wir ankn.pfen!

INTERKULTURELLE KOMPETENZ

Was war aber in Anatolien vorher los? Und was hat dies mit der Vermittlung der interkulturellen Kompetenz zu tun? Warum konnte sich die Kultur und das Theater Anatoliens so gut entwickeln?
Wir haben es in Deutschland mit einem gewandelten Kulturbegriff zu tun. Interkulturelle Kompetenz bezieht sich auf die Lebenswelt, in der wir uns bewegen, die wir uns durch unser Zusammenleben geschaffen haben und st.ndig neu schaffen.
Sie kann nur unter Verwendung des „erweiterten“ Kulturbegriffs definiert werden, der sich in den 70er Jahren gegen das enge bildungsb.rgerliche Kulturverst.ndnis durchsetzte und demzufolge Kultur den umfassenden Zusammenhang menschlichen und sozialen Verhaltens darstellt. Kultur galt und gilt vielen immer noch als die Lebensweise einer bestimmten Gruppe von Menschen in einem bestimmten Raum, die sich –aufgrund ihrer Kultur‐als zusammengeh.rig empfinden und sich –aufgrund ihrer Kultur‐von anderen solchen Gruppen in anderen R.umen unterscheiden.
In der Konsequenz ergibt sich daraus das landl.ufige Bild einer gro.en Landkarte unterschiedlicher Kulturkreise oder ein Mosaik, dessen Steinchen die Kulturen sind.
Anatolien bildete eine breite fruchtbare Br.cke zwischen den Hochkulturen Vorderasiens und des ferneren Ostens zu den sich entwickelnden Kulturen des Westens, die diese Br.cke f.r tausende von Jahren zum Verweilen, zum „Etablieren“
genutzt haben. Die Bedeutung des Raumes liegt in der Tatsache, dass dort zu keiner Zeit kulturelle oder ethnische Str.me und Bewegungen behindert wurden. „Asia Minor“ war immer entweder Teil von Gro.m.chten oder Ihre besonders wichtige Zentrale. Unterschiedliche St.mme und M.chte haben gleichzeitig die Herrschaft .ber die Halbinsel ausge.bt – so etwa die Ionier, die Aioler, die Lydier und die Phryger, aber auch die Karer und Kilikier, nicht zu vergessen sind die Hethiter, die Perser, die R.mer, Byzantiner und die Turkmenen. Bis zu den Osmanen (abgesehen von den verschiedenen aufst.ndischen F.rstent.mern und V.lkern mit verschiedenen Kulturen in der Osmanischen Zeit) war diese Halbinsel zu keiner Zeit in sich geschlossen oder wurde einheitlich regiert. Das liegt sicherlich auch an der geographischen und geologischen Struktur der gesamten Region. Dies hat in Anatolien zu einer exponentiellen und aufeinander gelagerten, aufeinander aufbauenden Zunahme kultureller Austauschtauschprozesse gef.hrt. Im Zuge dieser Kontakte verloren sogar zahlreiche traditionelle Lebensformen ihre eigenen traditionell festgelegten Lebensformen. Lokale Kulturen ver.nderten sich und gingen ungewohnte Kombinationen ein. Dort und hier verwischten sich sogar die Grenzen zwischen dem eigenen und dem Fremden zusehends. Immer wieder wurden menschliche Lebenswelten kulturell heterogen. „Das Fremde“ begann gleich nebenan. Diesen Zustand beschreiben Ina Zukrigl / Joana Breidenbach 2003 als „Kultur, nicht als statisches, in sich geschlossenes System, sondern als ein Fluss von Bedeutungen, der fortwührend alte Beziehungen aufl.st und neue Verbindungen eingeht“, wenn sie .ber die interkulturellen Gesellschaften schreiben.
In Anatolien, in der heutigen T.rkei sowie auch schon im osmanischen Reich, das Gebiete des Balkans, Kleinasiens, West–Mesopotamiens und des S.d–West–Kau‐kasus umfasste, erlebte auch das Theater in den mosaikartigen
Kulturen eine ca. 3000–jährige Geschichte. Auf diesem Gebiet entstanden verschiedene Theatertraditionen, die heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Diese standen in den hellenistischen, byzantinischen und osmanischen Kulturepochen in wechselseitiger Beeinflussung mit europ.ischen, nordafrikanischen und ostasiatischen Theaterkulturen.

Wir wollen uns im Laufe des Festivals mit der Frage befassen, ob interkulturelle Kompetenz, die auf das Nebeneinander von relativen Gegebenheiten abzielt, ausreicht, um menschliche Koexistenz auf gemeinsamer Ebene zu gew.hrleisten. Das Defizit von interkultureller Kompetenz ist darin zu sehen, dass sie die kulturellen Unterschiede nicht aufhebt, sondern sie aufrecht erh.lt und zum Teil verst.rkt. Wir wissen aus der Geschichte Anatoliens, dass die Interaktion der Akteure sowie der Mangel an einer gemeinsamen Wertebasis das Konzept interkultureller Kompetenz vor schwierige Fragen stellt. Wir wollen zur Diskussion stellen, inwieweit unsere Weltgesellschaft eine Einigung auf ein Set verbindlicher Werte ben.tigt, das als Basis f.r das Miteinander in der einen Welt vorausgesetzt werden muss, und wie diese Werte gegebenenfalls das Modell im Sinne einer weltweiten gemeinsamen Kulturkompetenz beeinflussen w.rden. Die Bedeutung solcher Werte, wie beispielsweise der Menschenrechte, k.nnte im Rahmen von interkulturellen Dialogen reflektiert werden, um einen normativen Rahmen f.r das interkulturelle Handeln innerhalb der Weltgesellschaft zu entwickeln.
In diesem Sinne werden die kulturellen Veranstaltungen, Theatervorf.hrungen, Workshops, Diskussionsforen, Seminare, Ausstellungen und Konzerte von diesen .berlegungen begleitet. Insofern sind wir weiterhin der Meinung, dass die .berlieferten, vorhandenen Werte, die die kulturellen Unterschiede manifestieren, Statuen auf hohem Sockel auf eine menschliche, soziale Ebene heruntergezogen werden m.ssen. Dies fordert eine Ver.nderung dieser Werte.